| Einleitung |
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> Das Projekt BMSJ
Das Projekt „Bohemia, Moravia et Silesia Judaica“ (BMSJ) ist der Versuch, möglichst viele Urkunden und Aktenstücke zur Geschichte der Juden in den Ländern der Wenzelskrone, also in Böhmen, Mähren und Schlesien, aus der Zeit zwischen 1520 und 1670 zu erfassen und einer interessierten Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen. An seiner Wiege stand die seit Beginn des 20. Jahrhunderts im Entstehen begriffene „Germania Judaica“, ein ursprünglich als Ortslexikon konzipiertes wissenschaftlichen Unternehmen, das inzwischen den Zeitraum von den ältesten Zeiten bis 1519 abgeschlossen hat: Germania Judaica. Band I: Von den ältesten Zeiten bis 1238. Nach dem Tode von M. Brann hrsg. von I. Elbogen, A. Freimann und H. Tykocinski. – Tübingen: J. C. B. Mohr (Paul Siebeck) 1963. [= Neudruck der Ausgabe Breslau: M. & H. Marcus 1934] Das Projekt „Bohemia, Moravia et Silesia Judaica“ (BMSJ) ist Teil des zur Zeit laufenden internationalen Projektes „Germania Judaica IV“, an dem Wissenschaftler aus Deutschland, Österreich, Israel und Tschechien arbeiten. Es umfaßt den Zeitraum von 1520-1650 in Deutschland und 1520-1670 in Österreich und Böhmen-Mähren-Schlesien. „Germania Judaica IV“ ist nicht mehr als klassisches Ortslexikon zu führen, sondern es hat zum Ziel, durch eine Vielzahl von Einzeluntersuchungen zu einschlägigen Themen am Ende eine Gesamtschau zur Geschichte der Juden im Alten Reich bieten zu können. Das Projekt „Bohemia, Moravia et Silesia Judaica“ (BMSJ) startete im Sommer 1999 als Subprojekt von „Austria Judaica“, das unter der Leitung des „Instituts für Geschichte der Juden in Österreich“ in St. Pölten stand und bis einschließlich 2003 auch finanziert wurde. Seit Frühjahr 2004 arbeitet BMSJ selbständig unter der Federführung der „Společnost pro dějiny židů v České republice (Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechischen Republik)“ mit Sitz in Brünn (Brno), es wird aus öffentlichen Mitteln und Sponsorengeldern finanziert. Da „Bohemia, Moravia et Silesia Judaica“ (BMSJ) territorial die Länder der Wenzelskrone in den Grenzen von 1740, d. h. die heutige Tschechische Republik und jene heute polnischen Gebiete, die nach den Schlesischen Kriegen an Preußen kamen, umfaßt, erstreckt sich die Arbeit auf Archive in Tschechien und Polen. Die Arbeit ist primär wegen der bisher fast völlig fehlenden Vorarbeiten überwiegend Archivforschung, aus der sich bereits erste publikationsfähige Ergebnisse ergeben haben: Buňatová, Marie: Hugo Gold (l895-l974) – publicista a vydavatel. – In: Moravští židé v rakousko-uherské monarchii (1780-1918) [= XXVI. Mikulovské sympozium 2000]. – Brno: Muzejní a vlastivědná společnost 2003, 333-337. Wegen der besonderen historischen Territorialstruktur und der archivalischen Überlieferung wurde anfangs und wird weiter besonders intensiv Mähren bearbeitet. Mähren hatte schon im 16. und 17. Jahrhundert wegen seiner unterschiedlichen Herrschaftsstruktur eine Reihe bedeutender jüdischer Gemeinden wie Nikolsburg, Ungarisch-Brod, Ungarisch-Ostra, Kremsier, Holleschau, Prerau, Proßnitz oder Kojetein, aus denen zum Teil äußerst umfangreiche Archivbestände auf uns gekommen sind (besonders Ungarisch-Brod, Ungarisch-Ostra und Kojetin), die völlig neue Aspekte jüdischen Lebens und christlich-jüdischen Zusammenlebens in Handel und Gewerbe, aber auch im Alltag aufzeigen. In diesen Zusammenhang gehören auch Gerichtsbücher und -akten. Sehr umfangreich und aufschlußreich sind auch die mährischen landesherrlichen und ständischen Materialien. Ein Schwerpunkt der Archivforschungen liegt auf Materialien, die Aufschlüsse über jüdische Ansiedlungen und Besitzverhältnisse bieten (z.B. Untertanen- und Steuerregister) und sich auch statistisch auswerten lassen. Zweiter territorialer Hauptschwerpunkt ist Prag. Hier kann derzeit wegen der Menge der in Frage kommenden Archivalien und der Personalsituation von BMSJ allerdings leider nur punktuell und sondenmäßig gearbeitet werden, jedoch gibt es auch hier bereits wichtige Erkenntnisse und abgeschlossene Komplexe. Bereits abgeschlossen und publiziert ist von Dr. Lenka Matušíková der erste böhmische Kataster (Berní rula“ – Steuerrolle) von 1653-1655, die Archivarbeit ist abgeschlossen für weitere Untertanen- und Steuerregister. Die wichtigsten Desiderata sind das einzige erhaltene Ungelt-Buch der Prager Altstadt und die fast unüberschaubaren Bestände des Prager Burggrafenamtes, bei dem alle jüdischen Geldgeschäfte in Böhmen registriert werden mußten. Besonders kompliziert gestaltet sich die Lage in Schlesien. Momentan beschränkt sich die Arbeit auf die Archive des ehemaligen Östereichisch-Schlesien und die angrenzenden Außenstellen des Staatsarchivs Kattowitz sowie die Staatsarchive in Breslau (fallweise) und Krakau, wo die tabellarische Aufbereitung der Krakauer Zollregister in Angriff genommen werden soll. Hierbei handelt sich um einen bisher nur sondenhaft (Małecki, Jan M.: Handel żydowski w Krakowie w końcu XVI i w XVII wieku. Wypisy z krakowskich rejestrów celnych z lat 1593-1683. – Kraków: Polska Akademia Umiejętnosci 1995.) untersuchten und veröffentlichten Bestand, der von den achtziger Jahren des 16. Jahrhunderts bis in das letzte Quartal des 17. Jahrhunderts lückenlos alle über Krakau laufenden Waren mit den Namen der (auch zahlreichen jüdischen) Handels- und Fuhrleute, ihrer Herkunft, ihrem Ziel sowie Art und Menge der Waren einschließlich des Zollsatzes überliefert, so daß sich (auch im Vergleich mit anderen Quellen, etwa dem Prager Ungelt-Buch) die gesamten Warenströme rekonstruieren lassen dürften. Über die wirtschaftsgeschichtliche Seite hinaus lassen sich auch kulturpolitische Erkenntnisse ziehen, etwa wenn es um den Im- und Export von Büchern geht. In der inhaltlichen Zusammenführung und anschließenden Auswertung all dieser unterschiedlichen Materialien (auch von solchen, die bei Parallel-Projekten anfallen) liegt die große Chance von BMSJ. Das Projekt kann schon jetzt für sehr viele Teilbereiche der Geschichte der Bearbeitungszeit Material und Erkenntnisgrundlagen liefern, die zum Teil völlig neue Sichtweisen ermöglichen, etwa wenn es um die Bedeutung des jüdischen Fernhandels geht. Wir kennen inzwischen Einzelpersonen und ganze Konsortien, die zwischen Lublin, Krakau, Breslau, Neiße, Prag, Nürnberg, Frankfurt, Krems, Wien und Bozen ihren Geschäften nachgingen, und wir können sukzessive auch immer besser ihre zum Teil sehr breit gefächerten Handelsaktivitäten deutlicher verfolgen. Ähnliches gilt für verwandtschaftliche Beziehungen. Hier läßt sich in zahlreichen Fällen nachweisen, wie weitverzweigt – auch geographisch – jüdische Familienverbände jener Zeit sein konnten und wie intensiv derartige Verbindungen genutzt wurden. Ein wichtiger Aspekt sind auch die Geschäftsbeziehungen zwischen Juden und Christen, die bei weitem nicht dem einseitigen Klischee entsprachen, daß jede dieser Gruppen ein in sich geschlossenes Handels- und Geschäftssystem hatte. Im Gegenteil gab es zahlreiche Fälle von offenen und verborgenen Geschäftsbeziehungen zwischen Christen (Bürgern wie Adeligen) und Juden auf sehr hohem finanziellen Niveau. Ein weitere Schwerpunkt liegt im genealogischen Bereich. Es werden und werden die frühesten Verzeichnisse der jüdischen Bevölkerung in den Länder der Wenzelskrone erfaßt. Es wurden etwa für Mähren die Lahnregister / Lánské rejstřiky und die Rektifationsakten / Rektifikační akta aus dem letzten Drittel des 17. Jahrhunderts oder aus Böhmen die Steuerrolle / Berní rula und das Verzeichnis der Untertanen nach dem Glauben / Soupis poddaných podle víry aus dem zweiten Viertel des 17. Jahrhunderts bearbeitet. Weitere Namensverzeichnisse aus einzelnen Herrschaften und Gemeinden, z. B. Austerlitz (Slavkov), Leipnik (Lipník), Neuraußnitz (Rousínov) und Ungarisch Brod (Uherský Brod) stehen ebenfalls bereits zur Verfügung. Společnost pro dějiny židů v České republice Die im Jahre 2001 als „občanské sdružení“ (Bürgerliche Vereinigung) gegründete „Společnost pro dějiny židů v České republice“ („Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechischen Republik“), Abkürzung SDŽČR (deutsch: GGJČR), knüpft mit ihrer Tätigkeit bewußt an die Tradition der in den Jahren 1928-1948 unter der Leitung von Prof. Samuel Steinherz sehr erfolgreich wirkenden „Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik“ an. Von dieser Traditionslinie auch geht die Langzeitkonzeption der „Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechischen Republik“ aus, die sich vor allem auf Erforschung, Bearbeitung und Präsentation der Geschichte der Juden auf dem Gebiet der heutigen Čechischen Republik und die Verbreitung der Kenntnisse über das Judentum allgemein konzentriert. Satzung der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der ČR . Die Gesellschaft hat folgende Ziele: 1. Wissenschaftliche Ziele: 1.1. Schaffung einer Forschungsstätte 1.2. Wissenschaftliche Forschung im Bereich der Geschichte der Juden auf dem Gebiet der heutigen Čechischen Republik 1.3. Präsentation der Forschungsergebnisse in Form von Publikationen 1.4. Erstellung und laufende Pflege einer internationalen Bibliographie zur Geschichte der Juden in den böhmischen Ländern und deren elektronische Zurverfügungstellung 1.5. Anknüpfung und Pflege von Kontakten mit Fachgelehrten und Institutionen, die sich mit ähnlichen Themen befassen 1.6. Schaffung eines Stipendienfonds aus eigene Mitteln zur Förderung der Erforschung der Geschichte der Juden in der Čechischen Republik. 2. Öffentlichkeitsarbeit: 2.1. Veröffentlichung und Zugänglichmachung der Ergebnisse der wissenschaftlichen Forschung für die breite Öffentlichkeit in Form von Vorträgen und Publikationen 2.2. Popularisierung der Thematik für eine breitere Öffentlichkeit und die Näherbringung der jüdischen Kultur allgemein in Form eigener kurzzeitiger Ausstellungen, Mitarbeit an Ausstellungsprojekten anderer Veranstalter, Organisation von Konzerten usw. 3. Aktuelle Arbeit: Momentan liegt das Schwergewicht der Arbeit der GGJČR auf der Zusammenarbeit mit dem internationalen Projekt „Bohemia, Moravia et Silesia Judaica“, beziehungsweise „Germania Judaica“ und „Austria Judaica“. Außerdem bestehen Planungen zu konkreten Einzelprojekten zur Geschichte der Juden in Böhmen und Mähren, etwa die Erarbeitung eines „Häuserbuchs“ des jüdischen Viertels von Mikulov (Nikolsburg) und die wissenschaftliche Auswertung bestimmter Materialienkomplexe, die im Rahmen von „Bohemia, Moravia et Silesia Judaica“ erschlossen werden. Postanschrift der Gesellschaft: Společnost pro dějiny židů v ČR E-Mail-Adresse: Vorsitzender: Dr. Helmut Teufel ht > Das Projekt BMSJ
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